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Krümel wachsen über sich hinaus

Nerven wie Drahtseile braucht es beim Nachwuchsturnier des Judoclubs Antonsthal-Schwarzenberg. Und zwar an allen Fronten. Doch die Mühen lohnen sich. Denn die Knirpse zahlen bei dem Turnier wichtiges Lehrgeld – ob als Sieger oder Verlierer.

Freie Presse | 13.03.2023 | Seite 24 | Von Anna Neef

Breitenbrunn – Als die schwere Brandschutztür zuklappt, hat der hohe Lärmpegel Pause. „Das ist der einzige Ort, an dem man sich heute in Ruhe unterhalten kann“, sagt Grit Reh und atmet einmal tief durch. Die Vorsitzende des 1. Judoclubs Antonsthal-Schwarzenberg steht im Heizraum der Turnhalle an der Oberschule Breitenbrunn und hat nicht viel Zeit zum Plaudern. Aber einen Moment nimmt sie sich. Auch wenn es draußen vor der Tür schon wie in einem Schuhgroßhandel aussieht: Stiefel, Straßen- und Turnschuhe in allen Farben und Größen – ob neu oder abgetragen – bedecken den Fliesenboden fast ganz. Direkt in die Halle an die Matten kommen nur diejenigen, die Socken oder Badeschlappen tragen. Oder barfuß gehen. Eng an eng stehen Groß und Klein, das Stimmgewirr ebbt nie völlig ab. Es ist Krümelrandori-Zeit.

„So viele Teilnehmer hatten wir noch nie. Bisher waren es immer um die 110 bis 150“, sagt Reh. Am Sonnabend jedoch haben 196 Mädchen und Jungen aus 20 Vereinen beim Nachwuchsturnier des JCAS die so wichtige Wettkampferfahrung gesammelt. Die Sechs- bis Zehnjährigen lernten Niederlagen kennen oder feierten Siege – ein entscheidender Schritt im jungen Sportlerleben, weil sich plötzlich alles anders anfühlt als im Training. Das wissen auch die Gastgeber. „Ein Alleinstellungsmerkmal unserer Turniere ist, dass jeder mindestens viermal auf der Matte steht“, sagt JCAS-Urgestein Jochen Schlick. Seit 60 Jahren hat Judo in Antonsthal Tradition, die der Senior intensiv prägte. Auch die Krümelrandori im Frühjahr und Herbst gehen auf seine Kappe. Inzwischen sind die Turniere Selbstläufer, wobei das nicht der richtige Begriff ist. Von selbst läuft ein solches Spektakel nämlich ganz und gar nicht. 20 Helfer aus dem Verein sowie gut 15 Muttis und Vatis packen stets mit an: beim Auf- und Abbau der Matten, am Imbiss, als Kampfrichter und selbst beim Auffüllen der Klopapierrollen in den Damentoiletten.

Rein sportlich schicken die Gastgeber diesmal neun Talente auf die fünf Matten, die einen zügigen Ablauf erlauben. Darunter sogar richtige „Frischlinge“ – wie bei anderen Vereinen auch. Daher verwundert es kaum, dass schon nach den ersten Duellen Tränen fließen und Eltern fleißig trösten müssen, nachdem sie vorher noch frenetisch angefeuert hatten. Auch das gehört zum Krümelrandori dazu: Alle brauchen Nerven wie Drahtseile.

„Keiner muss enttäuscht nach Hause fahren.“

Maria Lippold und ihre Mitstreiterinnen in der Küche zum Beispiel. Mit Engelsgeduld arbeiten die Frauen die Schlange ab, die nie zu enden scheint. Unzählige Brötchen, Wiener Würstchen, Süßes, Kaffee oder Tee und Wasser gehen über den Tresen. Der bunte Papageienkuchen ist der Renner bei den Kindern. „Wir schaffen das schon“, sagt Maria Lippold und erntet ein zustimmendes Kopfnicken von ihren Kolleginnen. Das zweite Mal helfe sie an dieser Stelle mit, sagt die junge Frau. „Es ist eine Herzensangelegenheit.“ Einige Meter weiter verhält es sich ähnlich: Auch Mandy und Benjamin Ott vom Deutschen Roten Kreuz Aue-Schwarzenberg gehören zu den Stammhelfern, die dem JCAS unter die Arme greifen. „Mein Mann kommt später dazu, wir sind quasi immer dabei“, sagt Mutter Mandy Ott. Inzwischen allerdings in anderen Rollen. „Früher stand ich mit in der Imbissküche, mein Mann half bei Auf- und Abbau, unser Sohn kämpfte auf der Matte.“ Filius Benjamin ist nach wie vor Mitglied im JCAS. „Ehrensache, dass wir mit helfen“, betont der 21-Jährige im DRK-Gewand. Bis kurz nach Turnierbeginn sind es vier Pflaster, mit denen schnell geholfen war. „Hoffen wir, dass es dabei bleibt“, schickt Mandy Ott hinterher. Schwere Verletzungen gebe es aber kaum. „Es knickt mal jemand um. Oder es tritt Nasenbluten auf. Mehr nicht.“

Ein „Trostpflaster“ erhalten alle Teilnehmer, damit der Tag zu einem unvergesslichen Erlebnis wird. „Es gibt für jeden eine Urkunde, damit keiner enttäuscht nach Hause fahren muss“, sagt Grit Reh. Die Wettkampfgruppen teilt der JCAS nach Gewicht, Alter, Gürtelfarbe und Geschlecht ein. „Das Turnier dient eher als Schnupperkurs, auch wenn der Ehrgeiz bei vielen sehr groß ist“, sagt Volker Marten von den Gastgebern. Nervosität ergreift dabei sowohl die Kinder als auch Übungsleiter und Eltern. Kein bisschen aus der Ruhe bringt die mit Lampenfieber geschwängerte Hallenluft Hanna Ullmann und Felizitas Reh. Dabei geht es auch bei den beiden 15-Jährigen Schlag auf Schlag. Sie betreuen Matte 1 – rufen also die Judoka der jeweiligen Pools via Mikrofon aus, koordinieren den Ablauf, führen Listen, nehmen die Zeit und beruhigen nervöse Begleiter. „Alles wie immer“, sagt Felizitas Reh, lacht und wendet sich wieder der Liste zu. Für Hanna, die neben ihr sitzt und den Laptop bedient, ist es das erste Mal. „Man muss vieles beachten und hat Stress. Aber wir kriegen es hin“, sagt die Pöhlaerin voller Zuversicht. Erst seit einem Jahr trainiert sie im JCAS. „Mit einem Wettkampf hat es terminlich leider noch nicht geklappt.“

In diesem Punkt sind ihr die Krümel vom Frühjahrsrandori nun einen Schritt voraus. In der aufgeregten Menge mit Teilnehmern unter anderem aus Falkenbach, Oelsnitz, Chemnitz, Dresden, Zwickau, Freital und Rodewisch wagen auch zehn Starter des TSV Schlettau die Probe aufs Exempel, darunter sogar eine blinde Judoka. Trainer Martin Schürer notiert Stärken und Schwächen akribisch. Er wirkt ruhig und konzentriert, gibt seinen Schützlingen immer wieder wertvolle Tipps. „Wir sagen ihnen die Techniken an. Es ist aber unterschiedlich, inwieweit die Kinder es umsetzen.“ Denn viel Wettkampferfahrung haben die Flöhe noch nicht. „Umso wertvoller sind solche Turniere.“



Auch Emma Schumann (r.) vom Judoclub Antonsthal-Schwarzenberg stellte sich beim Frühjahrskrümelrandori der Konkurrenz. In der Breitenbrunner Turnhalle gingen 196 Talente aus 20 Vereinen auf die Matte. Foto: Carsten Wagner